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„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist!“

SPD Essen gedenkt den sozialdemokratischen Opfern des NS-Regimes am Grab von Franz Voutta

Anlässlich seines 81. Todestages gedachte die SPD Essen am gestrigen Montag Franz Voutta - persönlich, aber auch stellvertretend für diejenigen Sozialdemokraten, die ihr mutiges und aufrichtiges Handeln gegen das menschenverachtende NS-Regime mit dem Tode bezahlt haben.

„Lieber Franz, Du bist uns unvergessen und wir verneigen uns demütig, anerkennend und dankbar vor Deiner Überzeugung und dem Preis, den Du dafür zu zahlen bereit warst,“ würdigte Thomas Kutschaty MdL, Vorsitzender der SPD Essen, den Verstorbenen an dessen Ehrengrab auf dem Bergfriedhof in Fischlaken.

„Die Urne mit den sterblichen Überresten von Franz Voutta wurde am 23. Juli 1936 zunächst auf dem allgemeinen Urnengräberfeld dieses Friedhofs beigesetzt und am 17. Juli 1947 an die heutige exponierte Stelle umgebettet. Sein Name, vor 70 Jahren in einen einfachen Grabstein eingemeißelt, macht Franz Voutta auch für die Nachwelt unvergessen. Gern hat die SPD Essen zu diesem Gedenktag seine Grabstätte aufgearbeitet, um seiner so in besonderer Weise zu gedenken.

„Bereits vor 70 Jahren, am 20. Juli 1947, dem 3. Jahrestag des Gedenkens an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 und des bedeutendsten Umsturzversuches in der Zeit des Nationalsozialismus versammelten sich an dieser Stelle Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, um gemeinsam mit den FALKEN, die ihre Mitglieder zur Teilnahme an der damaligen Gedächtnisfeier aufgerufen hatten, eines Menschen zu gedenken, der sich schon während des Kapp-Putsches und der nachfolgenden französischen Besatzungszeit in Essen sehr engagiert für die sozialdemokratischen Werte einsetzte.“

Im Rahmen ihres Jubiläumsjahres gedenkt die SPD Essen der vielen aufrechten Sozialdemokraten, die auch in schwersten Zeiten und unter Androhung von Folter und Tod zu ihren Überzeugungen standen, unter anderem auch mit der Verlegung von Stolpersteinen. Auch für Franz Voutta wird in diesem Jahr noch ein Stolperstein verlegt.

 

Franz Voutta

Franz Voutta wurde am 20. Januar 1876 im ostpreußischen Mingstimmen, Kreis Gumbinnen, geboren. Er kam offensichtlich als gelernter Schreiner in das damals noch selbständige Städtchen Werden und heiratete hier im März 1906 die aus Dinslaken stammende Helene Holdermann. Mit ihr hatte er eine Tochter und 2 Söhne. Wann und wo Franz Voutta der SPD beitrat ist nicht überliefert. Allerdings soll er nach Erinnerungen von Gustav Streich 1933 Zweiter Vorsitzender des Unterbezirks Essen der SPD gewesen sein.

In Werden war er eine bekannte Persönlichkeit, die Familie wohnte bei Geburt des 1. Kindes in der Bungertstraße, später in der heutigen Dudenstraße.

Während des Kapp-Putsches und bei der Zuchthausrevolte Anfang der 1920er Jahre hat er durch überlegtes und unerschrockenes Handeln zur Beendigung des Aufstandes beigetragen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und Verbot der SPD 1933 gehörte Franz Voutta einer sozialdemokratischen Widerstandsgruppe (Zu dieser gehörten u.a. auch Otto Meister, Gustav Streich, Hermann Rotthäuser, Fritz Runge) an. Man traf sich zu Gesprächen in Privatwohnungen, knüpfte Kontakte zu anderen Gruppen, z.B. zu den sogenannten „Brotfahrern“ der Bäckerei Germania in Duisburg und organisierte die Verteilung illegaler Informationsschriften, die diese „Brotfahrer“ oft mitgeliefert hatten. Ermutigt durch den Erfolg des Bekenntnisses zu den Traditionen der sozialistischen Arbeiterbewegung wurden bestehende Kontakte gefestigt und ausgebaut.

So organisierte Voutta 1933, 1934 und 1935 in dem Waldgebiet bzw. in einer Waldgaststätte oberhalb des Pastoratsberges in Werden illegale 1. Mai-Feiern. Als Erkennungszeichen diente die rote Nelke. Nachdem die ersten beiden Feiern ohne Zwischenfälle stattgefunden hatten, bekam die Gestapo 1935 am Morgen des 1. Mai einen Hinweis auf die Veranstaltung mit der Folge, dass die Versammlung aufgelöst wurde und es zu einer großen Anzahl von Festnahmen kam, darunter auch er selbst. Danach war die Gestapo auch der überörtlichen Organisation sozialdemokratischer Widerstandsgruppen im Rheinland auf die Spur gekommen. Auch hier kam es zu zahlreichen Festnahmen (Das sozialdemokratische Wochenblatt „Neuer Vorwärts“ berichtete im August 1936 von 600 Angeklagten).

Die Untersuchungshaft der am 1. Mai 1935 in Werden verhafteten Personen dauerte 14 Monate. Erst dann fand vor dem Strafsenat des OLG Hamm ein Prozess statt, der mit einem am 9. Juli 1936 verkündeten Urteil endete. Auf der langen Liste der Verurteilten fehlte jedoch Franz Voutta, obwohl er noch in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft vom 16. Mai 1936 verzeichnet gewesen war.

Aufgrund der erlittenen grausamsten Foltermethoden bei den Vernehmungen war er verhandlungsunfähig. Nur wenige Tage nach der Urteilsverkündung gegen seine Genossen verstarb er an den Folgen der Misshandlungen – laut Sterbeurkunde des Standesamtes Düsseldorf-Mitte – in den städtischen Krankenanstalten Düsseldorf.

Über das Schicksal der Familie in der Folgezeit ist bisher wenig bekannt. Nach neueren, erst jetzt zugänglichen Quellen hat sich Franz Voutta‘s Ehefrau während des Zweiten Weltkrieges nach Ostpreußen, der Heimat ihres Mannes begeben. Offensichtlich geschwächt durch die Strapazen der Vertreibung durch die Russen verstarb sie auf dem Rückweg von Ostpreußen nach Essen im Dezember 1945 in der Lutherstadt Wittenberg. Ein Sohn verstarb als Soldat 1943.

Aus der Familie lebt nach heutiger Kenntnis noch ein Enkel in Essen. Leider war er zu dieser Feierstunde verhindert. Wir hoffen, dass seine Teilnahme zur Stolpersteinverlegung klappt.